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Wir brauchen ein Reinheitsgebot 2.0!

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Beim Tag des deutschen Bieres geht es vor allem um das Reinheitsgebot. Dieses dient in Deutschland vor allem zur Bewahrung der Interessen der Brauindustrie. Deswegen wird es auch vom Deutschen Brauerbund, der eine Lobbyvertretung der Brauindustrie ist, stets gewürdigt und hervorgehoben. Meist mit dem Zusatz, dass es uns Verbraucher vor „Panscherei“ beschützt. Alles was also nicht nach dem Reinheitsgebot (Bierverordnung von 2005) läuft, darf in Deutschland nicht als Bier verkauft werden. Dies bezieht sich allerdings rein auf in Deutschland „gebraute Biere“, also auch auf deutsche Brauereien, die ja der Brauerbund vertritt. Hat der eigene Lobbyverband also Angst, dass seine eigenen Mitglieder anfangen würden zu „Panschen“? Oder dreht es sich wohl doch um den Slogan „Made by the Reinheitsgebot“, dass tatsächlich im Ausland beim „Biertrinker“ für „Qualität“ steht. Im Ausland produziertes Bier mit Zusätzen darf in Deutschland als Bier verkauft werden. Dies regelte der Europäische Gerichtshof bereits 1987 nachdem der Brauerbund dagegen klagte und verlor.

Wer heutzutage in Deutschland ein Wit-Bier mit Koriandersamen und Orangenschalen brauen möchte, darf dies nicht unter der Bezeichnung „Bier“ in den Verkehr bringen. Er muss sich um eine Ausnahmegenehmigung bemühen. Wird diese erteilt, darf er es „Besonderes Bier“ nennen. In Bayern werden diese Ausnahmengenehmigungen nicht erteilt und aktuell darf ein Wit-Bier, wie oben beschrieben, in Bayern nicht in den Verkehr gebracht werden. Auch nicht unter Begriffen wie „Brauspezialität“ oder Ähnliches. Der Bayrische Brauerbund geht aktuell rigoros dagegen vor. Brauereien wie Camba Bavaria und andere mussten bereits Biere vom Markt nehmen, da sie in Bayern z.B. mit Kaffeebohnen oder Orangenschalen gebraut wurden. Bei der kleinen fränkischen Brauerei Pax Bräu kam die „Überwachungsabteilung des Reinheitsgebots“ sogar in die Brauerei, schaute sich alles an und beschlagnahmte Etiketten zur „internen Überprüfung“. Ein starkes Stück! Pax Bräu hat seit Anfang des Jahres „Kein Bier!“ auf seinen Etiketten stehen. Wie dieses Urteil aussehen wird ist aktuell noch nicht klar. Ich bleibe hier natürlich dran!

Jedenfalls kann und darf es so nicht weiter gehen. Brauereien wie Hanscraft mit Sitz in Aschaffenburg brauen dann bei befreundeten Brauereien, zum Beispiel bei Mashsee in Hannover, ein Witbier und vertreiben dieses dann unter „Besonderes Bier“ auch in Bayern.

Wir brauchen eine Veränderung! Wir brauchen ein Reinheitsgebot 2.0! Die Welt bleibt nicht einfach stehen, nur weil man sich selber nicht dreht. Der Brauerbund muss aufwachen und die aktuelle Chance nutzen etwas zu verändern, ja quasi voranzutreiben und sich nicht weiter versperren. Leider ist der Brauerbund eine Lobbyvertretung der Konzerne und die haben natürlich kein Interesse an „Besonderen Bieren“. Wir haben in Deutschland extrem viele Brauereien, deutsches Bier hat ohne Zweifel einen sehr guten Ruf weltweit, vor allem auf Grund des Marketingbegriffes „Made by the Reinheitsgebot“. Wer sich allerdings etwas näher mit Bier beschäftigt, und das machen aktuell ziemlich viele Menschen und es werden nicht weniger, der kommt schnell zu der Ansicht, dass das Reinheitsgebot eine Bremse ist und das Bierland Deutschland weiter zurückwerfen wird.

Es müssen kreative und vor allem kleine Betriebe gefördert werden. Jeder redet aktuell von mehr „Wertigkeit beim Bier“. Wer verleiht dem Bier aktuell mehr Wertigkeit? Sicherlich nicht Becks oder Krombacher! Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer möchte, dass Deutschland als Insel vor sich hin austrocknet!?! Oder etwa doch? Will man bewusst am aktuellen Reinheitsgebot als Marketinginstrument festhalten, will man bewusst modernen Bier-Querdenkern den Hahn zu drehen? Will man die Großkonzerne fördern? Anscheinend schon.

Wir brauchen eine Alternative zum Brauerbund. Ein unabhängiger Verband, ähnliches wie die „Freien Brauer“, die durchaus das Potential haben hier Partei zu ergreifen. Mittelständische Brauereien müssen jetzt die Initiative ergreifen und voran gehen. Den Zug übernehmen und Gas geben. Potential ist genug vorhanden, lasst es nicht einfach verkommen!

Das „Reinheitsgebot“ muss nur wieder an Wertigkeit gewinnen und als echtes Qualitätsprädikat stehen. Es muss entmystifiziert werden und sich den aktuellen Rahmenbedingungen anpassen.

Wie das aussehen könnte habe ich einfach mal frei skizziert:

1. Eine unabhängige „Reinheitsgebots-Behörde“ kontrolliert die Brauereibetriebe und bewertet diese nach zuvor festgelten „Reinheitsgebots – Standards“. Diese Standards zielen nicht nur auf die Verwendung der Rohstoffe, sondern auch auf andere Unternehmerischestandards wie Mitarbeiterpflege, Einkauf, Vertrieb, Marketing, etc.

2. Diese Standards im Bezug auf das Reinheitsgebot beinhalten: Während eines Brauvorgangs (dieser beginnt beim Erhitzen des Maischewassers und endet bei der Abfüllung!) darf die Brauerei tatsächlich NUR Wasser, Malz, Hopfen und Hefe verwenden. Keine weiteren Mittel und Zusätze die das Bier stabilisieren und am Ende wieder herausgefiltert werden könnten (Ich denke, dass 100% der Großbrauereien den Slogan „Made by the Reinheitsgebot“ verlieren würden!)

3. Nur diese Biere, die nach den zuvor festgelten Standards hergestellt werden, dürfen das Prädikat „nach dem Reinheitsgebot gebraut“ tragen.

4. Wir brauchen eine 100% Kennzeichnung der Inhaltsstoffe: Egal ob Farbmalze, Zusatzstoffe, E Nummer, Pfefferkörner, Malze, Orangenschalten, etc. ALLES was im Produkt enthalten ist, steht als „Zutat“ auf dem Etikett. Jeder Konsument hat so die Möglichkeit selbst zu entscheiden.

5. Alle anderen Biere, die heutzutage unter dem Begriff „Besondere Biere“ oder „Brauspezialitäten“ laufen, sprich Biere die mit weiteren natürlichen Zutaten wie Gewürzen oder Früchten gebraut sind, dürfen als Bier bezeichnet werden, wenn der „Großteil“ der Zutaten aus Malz und Hopfen besteht.

6. Wenn ein „Bier“ mit Zusatstoffen, „natürlichen Aromen“ oder anderen chemischen Zusätzen versetzt ist, darf dieses „Produkt“ nicht Bier heißen und ebenso keine Bezeichnung tragen die Ähnlichkeiten zum Bier hervorrufen kann.

Ein Reinheitsgebot, wenn es funktionieren würde, ist in der heutigen Lebensmittelwelt die zugekleistert ist von Zusatzstoffen, E-Nummern, künstlichen Aromen, etc. wirklich etwas ganz wunderbares. Aktuell funktioniert es aber nicht. Es wird getrickst, gemauschelt und gemahnt! Das Reinheitsgebot ist heutzutage ein reines Marketinginstrument und nicht dem Verbraucherschutz verschrieben. Dies gilt es zu ändern. Jetzt!

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  1. Pingback: Zum Tag des deutschen Bieres | horax schreibt hier

  2. Pingback: Cathedral Cocktail | Galumbi

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