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Warum Craft Beer eine Definition braucht…

CraftBeeristArtikel

Für manche unter uns wird das Thema bereits mit einer abwinkenden Geste behandelt. Andere wiederum sehen hier enormen Klärungsbedarf und diskutieren eifrig um die Begriffsbezeichnung „Craft Beer“. Ich gehöre zur zweiten Fraktion und bin mittlerweile absolut davon überzeugt, dass Craft Beer eine allgemeingültige Definition benötigt um als solches im Biermarkt anerkannt und vor allem erkannt zu werden. Den nur weil „Craft Beer“ drauf steht, heißt es nicht, dass auch „Craft Beer“ drin ist und das ist meiner Meinung nach nicht gut.

Es geht darum, dass zum einen der Konsument weiß was er trinkt und zum anderen der Wiederverkäufer weiß, was er seinen Konsumenten anbietet. Wenn ich zum Beispiel Besitzer einer Bar bin und gerne meinen Kunden „Craft Beer“ anbieten möchte, dann muss ich wissen was ein „Craft Beer“ ist und was es nicht ist. Ich muss also unterscheiden können. Auch der Konsument selbst will wissen was er trinkt und ob es sich dabei um ein „Craft Beer“ handelt oder eben nicht. Begriffe sind das eine, doch Bedeutungen und Vorstellungen, über den Inhalt des Begriffes gibt es viele und hier muss Aufklärungsbedarf herrschen, da sonst mit dem Begriff „Craft Beer“ zu viel Schindluder betrieben wird.

Ich greife das Thema hier auf, da die schottische Brauerei BrewDog vor ein paar Tagen einen ausführlichen Artikel zum Thema „Craft Beer Definition“ auf ihrer Webseite veröffentlichte. Dieser ist absolut lesenswert und beinhaltet viele Aussagen, welche ich auch teile. Wichtig ist einfach, dass in dem ganzen Wirrwarr ein wenig Klarheit kommt. Im Folgenden möchte ich keine eigene Definition vorstellen, sondern die Festlegungen von BrewDog aufgreifen, welche als Diskussionsvorlage dienen sollen und nicht als fertige Definition.

Doch zuvor noch ein paar weitere Anmerkungen zur Debatte.

Es gab eine Zeit, wo ich der Meinung war, dass es keine Craft Beer Definition braucht und der Konsument schon unterscheiden kann was wirklich „Craft Beer“ ist und was nicht. Dies traue ich den meisten Konsumenten auch heutzutage noch zu. Leute die zur Zielgruppe von „Craft Beer“ gehören, leben, nach meinen Beobachtungen, insgesamt bewusster und informieren sich über Nahrungsmittel welche sie zu sich nehmen. Jeder will doch auch wissen woher das Ei oder das Stück Steak kommt, welches auf dem Teller liegt. Die Kaufentscheidungen bei Lebensmitteln haben sich mittlerweile stark geändert, auch deswegen boomt die Bio-Branche so extrem. Beim Bier ist es meistens noch so, dass nach Marke oder mittlerweile auch nach Geschmacksrichtung eingekauft wird. Aber will ich nicht auch wissen woher das Bier kommt? Wer davon profitiert? Wen ich mit meiner Kaufentscheidung unterstütze?

Ich denke gerade weil es immer undurchsichtiger wird, was wirklich Craft Beer ist und was nicht, ist es wichtig dies zu definieren. Aktuell zeigt sich mir beim deutschen Markt die Begrifflichkeit „Craft Beer“ als ein Trendbegriff, der wohl in Zukunft immer mehr aus Marketingtechnischer Sicht eingesetzt werden wird. Ich selbst weiß von einigen „Projekten“, welche von Menschen initiiert werden, die nicht vom Bier herkommen, die die Thematik „Craft Beer“ aber extrem spannend finden und hier mit einer künstlich erzeugten „Biermarke“ den Markt erobern wollen. Ganz geschweige von den Großkonzernen wie Bitburger, Radeberger (Braufactum sehe ich dabei übrigens mehr als Händler!) und in naher Zukunft wohl auch Warsteiner. Ganz verwirrend wird es dann, wenn ein Brauerei aus einer alten traditionellen Marke neu gegründet wird, welche sich dann das Label „Craft Beer“ ganz extrem auf die Fahnen schreibt und in ihrer kompletten Außendarstellung eine Art „Kopie“ einer US amerikanischen Craft Brewery darstellt ohne eigener Identität. Aus Marketing Sicht fantastisch gemacht, doch leider spiegelt sich diese Perfektionnicht in den Produkten und den Besitzverhältnissen wieder. Die Nordmann Gruppe, einer der großen Getränkemultis in Deutschland hat dies mit ihrer „Craft Beer Marke“ Ratsherrn geschafft. Dazu gehört u.a. auch der „Craft Beer Store“, die „Craft Beer Days“ und auch das „Craft Beer Pub“. Das Ganze ging sogar soweit, dass ein Versuch von der Nordmann Gruppe gestartet wurde, über einen Anwalt (welcher übrigens auch im FritzGate für fritz-kola die Markenrechte eintreibt), die Marke „Craft Beer“ beim Patentamt zu sichern. Eine unfassbare Geschichte, welche ich demnächst nochmal ausführlicher thematisieren möchte. Bestimmt auch interessant für ein paar Leute in Übersee! Dies darf und kann so nicht hingenommen werden! Stellt euch das mal vor? „Craft Beer“ ist markenrechtlich geschützt und darf nicht im Zusammenhang mit Getränken genannt werden. Unfassbar!

Die echten Craft Beer Brauereien müssen in Deutschland vor solchen Umtrieben geschützt werden. Die Großkonzerne forcieren ihre Craft Beer Produkte und verdrängen den kleinen Brauer aus dieser Nische, in welcher er gerade mal so eben angekommen ist. Die Konzerne haben ihre Vertriebskanäle, bringen schnell ein Bier in Supermärkte rein und können sich einen gewissen niedrigen Preis leisten, da es vor allem auch um Markenbindung geht. Vielen ist nicht bewusst, dass hinter der Veranstaltung „Craft Beer Days“ ein Konzern steht, dem es einfach nur um Geld und Machtbesitz geht. Dieser Konzern will „Craft Beer“ in Deutschland besitzen und maßgeblich steuern. Dies darf nicht zugelassen werden! Die Ratsherrn Brauerei ist keine Craft Beer Brauerei, sondern ein unglaubliches Produkt welches geschaffen wurde um die deutsche „Craft Beer Entwicklung“ maßgeblich zu bestimmen.

Hier müssen auch die deutschen Craft Beer Brauer untereinander Synergien sammeln und gemeinsam kämpfen. Geht raus und zeigt euch! Wir müssen verdammt nochmal aufpassen, dass der „Craft Beer“ Markt nicht innerhalb kürzester Zeit von Großkonzernen bestimmt wird, welche mit ihren Marketingmaschinen und Innovationsabteilungen das „Image“ des „coolen Craft Beer Trinkers“ bedienen.

Grundsätzlich geht es uns in Deutschland doch darum, dass wir alle gutes Bier trinken wollen. Wir erfreuen uns aktuell über die hinzugewonnene Vielfalt von den „neuartigen“ Bierstilen, und genießen dazwischen immer wieder ein fantastisches Bockbier, Pils oder Weizen. Doch darum geht es aktuell nicht. Craft Beer ist keine Biersorte oder dergleichen, sondern es gehört vielmehr dazu. Dabei ist ein Craft Beer Trinker vor allem in Deutschland kein besserer Mensch, da wir eine ganz andere Biergeschichte haben als andere Länder. Dort trinken Menschen Craft Beer um auch ein Statement abzulassen und dem Rest der Megakonzerne den Stinkefinger zu zeigen. Dort gibt es keine jahrhundertealte Geschichte, sondern es gab Großkonzerne welche gelbes Wasser als Bier verkauften. Kein Wunder das die Leute die Schnauze voll hatten. Hier gibt es fantastische Traditionsbrauereien, welche wunderbare Biere brauen. Keiner soll sich schämen zu sagen, dass er das ein oder andere Craft Beer nicht mag. Mit Sicherheit haben gerade viele Neugründungen auch noch mit schwankender Qualität zu kämpfen und den einen oder anderen Reinfall gab es eben leider auch schon. Vieles wird mit den geringsten finanziellen Mitteln probiert aufzubauen. Der deutsche Biergeschmack ist natürlich verwöhnt von absolut fehlerfreien Bieren. Klar darf es nicht sein, dass ich ein Bier auf dem Markt bringe, welches sauer ist. Das darf nicht passieren! Aber gewisse Schwankungen sollten toleriert werden, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Aber gut, ich schweife vom Thema ab.

Craft Beer ist kein Marketingbegriff oder eine gewisse Biersorte. Craft Beer ist eine Kultur, eine Einstellung und eine Philosophie. Craft Beer ist wie Mode oder Musik, es ist etwas was tief und fest in deinem Kopf verankert ist und an dem du dein Leben auf eine gewisse Art und Weise ausrichten kannst, wenn du das möchtest. Es ist eine Revolution und eine weltweite Bewegung, welche global agiert, egal ob Schottland, Italien, Deutschland, Österreich, USA oder Kanada. Jeder der Teil dieser Kultur ist trifft gleichgesinnte überall auf der Welt. Er trifft Genießer und Künstler, die sich Craft Beer absolut verschrieben haben und es mit Leib und Seele leben.

Jetzt denkt ihr euch wahrscheinlich, warum braucht eine Lebenseinstellung eine Definition? Nun gut, Craft Beer ist eben auch Geschäft, im Endeffekt müssen Menschen, welche innerhalb dieser Kultur arbeiten, davon leben können und ihre Rechnungen bezahlen. Es ist viel Idealismus und Träumerei dabei, aber die harten Euros und Dollars müssen eben auch verdient werden. Damit greife ich die Thematik Konsument und Wiederverkäufer, welcher unterscheiden muss, wieder auf und beziehe mich nun auf einen Definitionsversuch von BrewDog. Ich bitte euch auch den Artikel bei BrewDog selbst durchzulesen, wenn ihr das noch nicht getan habt. Das Ganze ist ein weitere Anstoß zu einem aktuell langen Weg bis hin zu einer gemeinsamen Definition von Craft Beer, wenn dies überhaupt möglich ist. Aber es ist ein weiterer Mosaikstein im Wirrwarr rund um den Begriff und wenn wir diesen Definitionsversuch von BrewDog als Grundlage für Craft Beer nehmen, können wir schon gewisse Unterscheidungen treffen.

I love Craft Beer!

Eine Europäische Craft Brewery:

1. ist klein
Braut weniger als 500.000 hl im Jahr

2. ist authentisch
a.) braut alle ihre Biere nach festgelegter Stammwürze
b.) Benutzt kein Reis, Korn oder andere Zusätze um Geschmack zu verringern und Kosten niedrig zu halten

3. ist ehrlich
a.) Alle Inhaltsstoffe werden klar und eindeutig auf dem Etikett angegeben
b.) Es steht eindeutig auf dem Etikett wo das Bier gebraut wurde.
c.) Alle Biere werden in Craft Breweries gebraut (mein Zusatz: dazu gehören keine „Versuchsbrauanlagen“ von Großkonzernen)

4. ist unabhängig
Nicht mehr als 20% dürfen von einem Konzern besitzt werden, welcher selbst keine Craft Brewery betreibt.

Grundsätzlich ist das Thema Größe natürlich immer sehr diskussionswürdig, nicht nur beim Bier. Ich würde fast so weit gehen, dass dieser Punkt irrelevant ist. Warum soll eine Brauerei mit mehr als 500.000hl im Jahr nicht auch Biere brauen, welche alle weiteren Definitionsmerkmale erfüllen?

Dazu würde ich einen weiteren Punkt einführen, nämlich den der „Kreativität“. Eine Craft Beer Brauerei muss für mich kreativ sein und mindestens eine bestimmte Zahl von neuen Bieren im Jahr auf den Markt bringen. Im Grunde geht es mir darum, dass z.B. eine fränkische Traditionsbrauerei, welche alle genannten Kriterien erfüllt, für mich keine Craft Beer Brauerei ist. Also muss eine Craft Brewery neben den „traditionellen deutschen Biersorten, wie Helles, Pils, Weizen und Bock, mindestens eine bestimmte Anzahl weiterer „internationaler“ Biersorten im Portfolio“ haben. Ihr seht, alles nicht so einfach und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Ebenfalls finde ich, dass der Aspekt der „Community“ stärker mit aufgenommen werden sollte. Eine Craft Beer Brauerei setzt sich für die Nachbarschaft ein, für den Ort, für die Stadt. Sie ist verwurzelt in die Gemeinde und trägt einen wichtigen Teil zum Zusammenhalt bei.

Meine Ergänzungen:

5. ist kreativ

6. ist verwurzelt in der Gemeinde, dem Ort oder der Stadt, sie unterstützt die Gemeinschaft

So, dies waren meine kurzen Ausführungen zu einer Thematik, welche mir sehr am Herzen liegt. Nun habt ihr die Möglichkeit euer Bier dazu abzugeben. Ich möchte niemanden vorschreiben was er zu denken hat, sondern ich möchte lediglich Denkanstöße geben.

Was meint ihr?

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8 Kommentare

  1. Pingback: roninarts» Blogarchiv » “Ich bin ein deutscher Craft Brewer!”

  2. Pingback: Die Antwort auf #craftgate | usoX Bierblog

  3. Andrew Jorgensen sagt

    My German is a bit rusty so apologies for not commenting ‚auf Deutsch‘ and for misunderstanding you, if I have misunderstood you.

    I like to buy beer from small breweries and like it when they are rooted in their communities like you say. There might be a moral argument to support microbreweries („think global, act local“ etc.). Smaller breweries employ more people per hectolitre produced than bigger concerns and the money goes into local communities.

    But that is a general principle which is not specific to breweries as such and completely unconnected to how beer tastes, what ingredients are used, what styles are produced, and even how the beer is made (whether it is brewed at high gravity and diluted down, for example). Your paradigm craft breweries, like Sierra Nevada, or Brewdog itself are local only to a small area, but they ship their beer all over the world. The localism argument for supporting craft beer doesn’t carry over to supporting them.

    I think the concept ‚craft beer‘ is being used to cover too much (and if I understand you properly, you’re just as guilty of this as everyone else): People want it to connect with the localism movement (for want of a better phrase), and they want it to be about innovative and exciting tasting beers. In the UK people complain about the boring brown bitter produced by local microbreweries just as you complain about small local breweries who don’t offer any non-traditional (for Germany) styles.

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