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Das Reinheitsgebot im Jahr 2016

Foto von Bierschilder.com

Das Reinheitsgebot hat wieder ein Mal Geburtstag. Für die einen ist das ein Grund, den Tag des Deutschen Bieres zu feiern. Andere sehen im Reinheitsgebot eines der größten Hindernisse für kreatives Brauen. Wenn ein Thema so kontrovers diskutiert wird, sollte man es sich mal genauer anschauen. Aus diesem Grund möchte ich euch auf eine kleine Reise in die Zukunft einladen, in das Jahr 2016. Genauer gesagt zum 23. April 2016, dem Eröffnungstag der Bayerischen Landesausstellung zum Thema „500 Jahre Bier in Bayern“. Geladen sind die Vorstände des Bayerischen und Deutschen Brauerbundes. Daneben auch die Bayerische Ministerpräsidentin Ilse Aigner, die im vorigen Jahr Horst Seehofer beerbte. Die Rednerin, die am meisten mit Spannung erwartet wird, ist die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz der schwarz-grünen Koalition Renate Künast.

Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung war es zu Spannungen gekommen, weil sich eine Woche zuvor der Bund der Deutschen Craft-Brauer (BDCB) gründete, der sich ein eigenes Reinheitsgebot gab, das in weiten Teilen der heute gefeierten Regelung widerspricht. Der Bayerische und der Deutsche Brauerbund verurteilten postwendend die Gründung und unterstrichen, dass jedes Bier, das nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut wird, in Deutschland nicht Bier genannt werden dürfe. Da Renate Künast als Rednerin auf dem Gründungstag der Craft-Brauer geladen war und die Gründung als Schritt in die richtige Richtung gewürdigt hatte, ist das mediale Interesse an ihrer heutigen Rede besonders groß. Aber schalten wir uns direkt in das Geschehen, denn Frau Ministerin Künast betritt soeben das Rednerpult.

Und was heißt das jetzt genau?

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, sehr geehrte Damen und Herren aus der Brauereiwirtschaft und dem Deutschen und dem Bayerischen Brauerbund, liebe Anwesende …
Es dürfte hinreichend bekannt sein, dass ich nicht unbedingt eine Kennerin in Sachen Bier bin. Es heißt ja, dass Politiker, vor allem Minister, nicht unbedingt wissen müssen, worüber sie gerade reden, so lange sie in den Medien die richtige Wirkung erzielen. Nichtsdestotrotz habe ich mich auf diese Rede sehr lange und sehr intensiv vorbereitet.

Wir sind heute hier zusammengekommen, um eine der ältesten, wenn nicht sogar die älteste noch gültige Lebensmittelrichtlinie der Welt zu würdigen. Das Reinheitsgebot, dessen 500. Geburtstag wir heute hier begehen, hat sicher auch heute noch seine Berechtigung. Das Reinheitsgebot schützt auch heute noch Konsumenten vor vielem, was technisch machbar aber nicht im Interesse der Konsumenten ist. Dass es beim Bier keine nennenswerten Lebensmittelskandale gibt, ist auch dem Reinheitsgebot zu verdanken.

Andererseits hat mich die intensive Beschäftigung mit dem Reinheitsgebot, seinen Befürwortern und auch denen, die es gerne erneuert wüssten, eines gelehrt. Das Reinheitsgebot hat sich in den letzten 500 Jahren immer wieder gewandelt. Natürlich geht es immer noch um die vier Grundzutaten des Bieres: Hopfen, Malz, Wasser und Hefe – auch wenn die Hefe im Originaltext von 1516 noch nicht enthalten war. Und so, wie es die Hefe in die aktuelle Fassung des Reinheitsgebotes geschafft hat, haben es auch andere Zutaten. Dass zum Beispiel Zucker bei obergärigen Bieren durchaus zulässig sein kann, war mir zuvor nicht bewusst. Die momentan gültige Bierverordnung und ihre Grundlage, das Vorläufige Biergesetz, sind ja nun auch ein wenig in die Jahre gekommen und werden der momentanen Situation in Deutschland und Europa kaum mehr gerecht. Es wird daher Zeit für eine Neufassung, eine rechtlich sichere Basis für das Brauen in Deutschland. In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich daher mit Brauern und Brauereivertretern aus dem ganzen Bundesgebiet getroffen. Dabei waren Vertreter der großen Braubetriebe ebenso wie Kleinstbrauer. Deren Nöte und Sorgen, Wünsche und Anregungen haben meine Referenten und ich in einen Vorschlag für ein neues Reinheitsgebot gegossen, den ich Ihnen heute und hier vorstellen möchte.

1) Bier soll jedes Getränk heißen dürfen, das unter Verwendung von Wasser, Malz, Hopfen und Hefe hergestellt wurde.
2) Eine Unterscheidung zwischen obergärigen und untergärigen Bieren soll nicht mehr getroffen werden. Das heißt, dass untergärige Biere nicht mehr auf Gerstenmalz beschränkt sind.
3) „Bier nach dem Reinheitsgebot gebraut“ sollen dagegen nur die Biere heißen dürfen, die keine weiteren Zutaten außer den oben genannten beinhalten.
4) An Stelle von Hopfen dürfen bei der Bierbereitung auch Hopfenpulver oder Hopfen in anderer zerkleinerter Form oder Hopfenauszüge verwendet werden, sofern diese als solche angegeben werden. Hopfenauszüge und Hopfenpulver usw. dürfen ausschließlich aus Hopfen gewonnen werden und müssen den Vorschriften des Lebensmittelrechst entsprechen. Hopfenauszüge müssen die beim Sudverfahren in die Bierwürze übergehenden Stoffe des Hopfens oder dessen Aroma- und Bitterstoffe in einer Beschaffenheit enthalten, wie sie Hopfen vor oder bei dem Kochen in der Bierwürze aufweist. Naturhopfen sowie Hopfenprodukte dürfen aber auch während der Haupt- bzw. Nachgärung zugesetzt werden (sog. Hopfenstopfen), wenn sie auf rein mechanische Weise hergestellt wurden.

5) Des Weiteren sollen zusätzliche Stoffe zur Bierbereitung erlaubt sein, so wie es derzeit für technische Hilfsmittel auch der Fall ist. Wenn sie über ein noch zu bestimmendes Maß im Bier verbleiben oder maßgeblich am Produktionsprozess beteiligt sind, müssen diese auf den Etiketten angegeben werden. Dies würde traditionelle Bierstile, wie das Gruitbier, die Gose und andere, aber auch Neuschöpfungen wie ein Coffee-Stout oder ein Honig-Bier unter den Schutzmantel eines deutschen Reinheitsgebotes führen und zugleich den Einsatz zum Beispiel von billigerem Industriezucker, Reis und Mais statt hochwertigerem Malz trotzdem kennzeichnen.

6) Als Klärmittel für Würze und Bier dürfen nur solche Stoffe verwendet werden, die mechanisch oder adsorbierend wirken und bis auf gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche, technisch unvermeidbare Anteile wieder ausgeschieden werden. Überschreiten die Rückstände dieser Mittel ein noch festzulegendes Maß, sind sie zu kennzeichnen.

7) Chemische Veränderungen von Wasser, Malz, Hopfen und Hefe sowie etwaige genetische Veränderungen sind zu kennzeichnen.

sieht nicht nur alt aus, es ist auch alt!

Wenn man es genau betrachtet, brechen diese Vorschläge nicht unbedingt die heutigen Regeln. Sie erweitern das Reinheitsgebot um die Möglichkeiten, die den deutschen Kreativbrauern im Vergleich zur europäischen und amerikanischen Konkurrenz noch versagt bleiben. Wenn es derzeit möglich ist, Biermischgetränke als Bier mit Cola zu verkaufen, sollte es auch möglich sein, Bier mit Kaffee oder ähnlichem zu verkaufen. Wenn es derzeit rechtlich zulässig ist, im Ausland mit Kräutern zu brauen und dies als Bier nach Deutschland einzuführen, dasselbe Getränk in Deutschland gebraut aber „Alkoholhaltiges Malzgetränk“ heißen muss, dann müssen wir die gültigen Verordnungen und Gesetze anpassen.

Die deutschen Konsumenten müssen durch die oben genannten Regeln nicht befürchten, Bier mit Geschmacks-, Farbstoffen und chemischen Stabilisatoren untergeschoben zu bekommen. Auch das Qualitätssigel „Gebraut nach dem Reinheitsgebot“ bliebe davon unangetastet. Aber ich denke, dass es gerade im Hinblick auf die 500 Jahre dauernde Geschichte des Reinheitsgebots an der Zeit wäre, unser Bier fit für das nächste halbe Jahrtausend zu machen. Es wäre schließlich ein Unding, wenn sich die deutschen Brauer in Sachen Qualität und Kreativität von ihren ausländischen Mitbewerbern überholen lassen müssten.

In diesem Sinne möchte ich Ihnen heute zur Eröffnung dieser großartigen Ausstellung mit einem Bier zuprosten, das ich in den letzten Monaten zu schätzen gelernt habe. Einem Bier, das trotz des Einsatzes von Dinkelmalz untergärig und vor allem unter Einsatz von echter Minze eingebraut wurde. Kein Bier wie jedes andere, aber eines, das aufgrund seines Geschmacks und seiner Qualität den Namen Bier und den Schutz des Reinheitsgebotes verdient hat.

Nun ja, soweit die Fiktion. Man kann sich vorstellen, dass diese Rede natürlich niemals gehalten wird, egal wer die nächsten Wahlen in Bayern und dem Bund gewinnen wird. Egal, wer dann im Freistaat und Bund für die Ernährung und den Verbraucherschutz zuständig sein wird. Die Ausstellungseröffnung im Jahr 2016 wird ohne jeglichen Eklat und ohne die berechtigte Kritik am Reinheitsgebot vonstatten gehen. Am Mantra des Reinheitsgebotes (Wasser, Malz, Hopfen und Hefe) wird wohl auch in Zukunft kaum gerüttelt werden. Auch wenn die Bierverordnung und das vorläufige Biergesetz in seiner heutigen Form einer dringenden Überarbeitung bedürften.

Gastautor: Norbert Krines
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13 Kommentare

  1. Theo sagt

    Es gibt kein Reinheitsgebot mehr. Die heilige Kuh ist längst tot. Hopfenauszüge und Extrakt kann sich der, sich an das Scheingebot haltende (Möchtegern-) Brauer hinstecken wo es dunkel ist!

  2. Europäer sagt

    Es gibt kein deutsches Reinheitsgebot von 1516. Ein einheitliches Deutchland gab es damals nicht. Das Reinheitsgebot von 1516 war ein bayrisches Reinheitsgebot! Ähnliche Gesetze folgten darauf in weiteren deutschen Kleinstaaten. Aber allgemein für ganz Deutschland gültig wurde das bayrische Gebot erst 1918 mit Gründung der Weimaer Republik!

  3. peter mike frank sagt

    netter informativer artikel
    es grüßt
    der gezwungene selbsdarsteller

    alles liebe u. gute

    prost

  4. Renate sagt

    @Theo
    So ein Schmarrn, wenn es um die reine Bitterung des Bieres geht, ist es völlig egal, ob die durch Hopfenextrakt oder stundenlang gekochten Hopfen geschieht.

  5. Hübscher Artikel.
    Nur den Satz hier: Es wäre schließlich ein Unding, wenn sich die deutschen Brauer in Sachen Qualität und Kreativität von ihren ausländischen Mitbewerbern überholen lassen müssten.
    … finde ich nicht wirklich treffend. Sind die / viele deutschen Brauer in Sachen Kreativität nicht schon längst von den ausl. Mitbewerbern abgehängt worden ?!

  6. Hallo Matthias;

    Danke für das Lob. Ich weiß nicht, ob die deutschen Brauer generell schon abgehängt wurden oder noch nicht. Noch hege ich Hoffnung – und es gibt ja kreative Biere (Hopfenstopfer, Schoppe, Braukunstkeller, Pax, Holladiebierfee und viele mehr). Allerdings könnte es bis 2016 tatsächlich der Fall sein.
    Deshalb immer wieder der Versuch, die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der gängigen Verordnung am Laufen zu halten. Vielleicht ändert sich ja doch etwas?

    Beste Grüße
    Norbert

  7. Was Kreativität angeht, wurden die deutschen Brauer im allgemeinen mit Sicherheit schon längst überholt! Kreative Biere gibt es im Ausland, aber nicht in Deutschland (bis auf ein paar Ausnahmen!) Selbst so genannte „kreativ Brauereien“ wie Camba, Hopfenstopfer, etc. könnten durchaus noch „mehr“ machen.. Aber das wird kommen.. hoffentlich!! :)

  8. 500 Jahre Bier in Bayern? Wovon habt Ihr Euch vorher ernährt? ;-)

    Netter amüsanter Artikel, ich warte auf den Tag an dem eine solche oder ähnliche Rede mal wirklich gehalten werden wird.
    Eine Sache sehe ich jedoch ein wenig anders: die deutschen Brauer wurden nicht von den ausländischen Bierbrauern abgehängt, sie haben sich selbst vollkommen untergeordnet, ziehen Scheuklappen auf und verstecken sich. Sie halten bei jeder Diskussion den Begriff „Tradition“ und „Kulturgut“ nach vorne ohne zu wissen was sich dahinter überhaubt verbirgt. Würden sie einfach mal zeigen was trotz Reinheitsgebot alles möglich ist, würde sicherlich auch so mancher unbedarfte Konsument anders an das Bier herangehen.

  9. Hallo Jungs,
    (ich bin mal so frei)

    also ich sehe die Lage nicht ganz so schwarz. Ein Porter, Ale usw. sind ja auch nur bei uns „kreativ“, in England dagegen Standard. ;-) Im Vergleich dazu wäre ein unfiltriertes Rauchmärzen im Ausland vielleicht „freakig“, bei mir in Bamberg dafür normal. Ich denke, am besten lässt sich die Kreativität deutscher und österreichischer Brauer vergleichen. Denn da sind die traditionellen Bierstile ähnlich und man kann gut sehen, wo das Reinheitsgebot bremst … Auf alle Fälle müssen wir die Diskussion am Laufen halten und vor allem in die Politik tragen. Denn ohne eine Änderung der Bier Verordnung tut sich nichts … Und die wird nicht von der Brauerbund-Lobby kommen.

  10. Pingback: Bier des Tages – Braumanufaktur Weyermann®/Bamberg: Christmas Dream (Nr. 1062)

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