Der Aromahopfen: Antwort auf Mittelbayerische Zeitung “Bier ist nicht gleich Bier”

Felix | 22. März 2012 | Kommentare (65)

Viele von euch haben in den letzten Tagen in verschiedenen Medien gelesen, dass in Deutschland neue Aromahopfensorten entwickelt wurden, welche das Bier in die Richtung von Stachelbeere, Mandarine, Honigmelone oder Gletschereis schmecken lassen. Da dies sicherlich noch einige Zeit dauert, bis diese Hopfensorten marktreif sind und das erste Bier damit gebraut wird, habe ich vorerst verzichtet mich dazu zu äußern.

Nachdem ich aber nun folgenden Kommentar der Mittelbayerischen Zeitung zu diesem Thema gelesen habe, kann ich meine Finger leider nicht weiter still halten und muss an mich an meinen „Bierblogger-Ethos“ halten und eine Antwort zu folgendem Kommentar verfassen:

Demnächst kommen in Deutschland Kaltgetränke aus Wasser Hopfen und Malz, Hefe und Wasser in die Supermärkte, die nach Stachelbeere, Mandarine, Honigmelone oder Gletschereis schmecken. Dafür werden extra spezielle Aromahopfensorten angebaut. Die Entwickler nennen das Endprodukt Bier. Aber das ist kein Bier – das ist Frevel.

Klar, Biermixgetränke gibt es zuhauf, in Belgien und Frankreich haben sie sogar schon lange Tradition und auch in Deutschland erfreuen sie sich immer größerer Beliebtheit. Bei den neuen Kreationen handelt es sich aber – rein brautechnisch – nicht um Mixgetränke, sondern um nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier. Wo ist er hin, der Brauerethos? Vor allem in Bayern, wo die Brauer voller Stolz mit dem Reinheitsgebot von 1516 werben – in Zeiten stetig sinkendem Pro-Kopf-Bierverbrauchs wohl vergessen.

Neue Kunden müssen her – geködert wird mit allen Mitteln. Dass die Hopfen-Abarten aber auch noch in Bayern entwickelt wurden, schlägt dem Fass den Boden aus. Verantwortlich ist die Gesellschaft für Hopfenforschung mit Sitz in Wolnzach. Deren Chef Bernhard Engelhard spricht von begeisterten Brauern und davon, den Hopfen wieder als Premiumprodukt zu vermarkten. Natürlich sei das neue Bier teurer, schließlich brauche es bei den neuen Sorten die fünffache Menge Hopfen. Und damit entlarvt sich die Branche selbst. Es geht letztlich nicht um Innovationen, sondern nur ums liebe Geld.

Quelle: Mittelbayerische Zeitung

Ziemlich böse Worte, welche ich da gelesen habe und ich denke dem ein oder anderen von euch wird es auch so gehen. Ich stell mir die Frage „Was soll das? Was will die MZ damit bewirken?“ Da wird gleich mit dem Brauerethos herumhantiert und dieses Bier als „Frevel“ beschimpft. Aber gut, wollen wir uns mal etwas genauer mit dem Kommentar auseinandersetzen.

Zunächst ist der deutsche Biermarkt heutzutage insgesamt sehr langweilig in seiner Art und Weise. Es wird zwar immer argumentiert, dass Deutschland unglaublich viele Biersorten hat, doch schmecken rund 80% der Biere gleich fad und öde. Das hat nix mit dem Können der Brauer zu tun, sondern liegt an der Verwendung von einheitlichen Rohstoffen und in der maschinellen Brauart. In den meisten Großbrauereien reicht es, wenn der „Brauer“ auf einen Knopf drückt.

Mittlerweile haben sich ein paar innovative und mutige Brauer hervorgetan und beginnen mit ihren Sorten den Biermarkt aufzumischen. Diese „neuen“ Biere haben meist alle eins gemeinsam. Sie schmecken anders wie die herkömmlichen Sorten, frischer, fruchtiger, spritziger, malziger, dunkler, intensiver. Das Geheimnis liegt meist in den verwendeten Aromahopfensorten, die fast ausschließlich aus den USA importiert werden.

Für mich liegt eine große Gefahr in der Verwendung des Wortes “Aroma”. Dieser ist hier für viele vielleicht etwas missverständlich. Der normale Bierkonsument assoziiert eine künstliche Zugabe von Aromen, da das Wort „Aroma“ doch meist sehr inflationär gebraucht wird, wenn es um Missstände in der Nahrungsmittelindustrie geht. Allerdings sind „Aromahopfensorten“ ganz normale Pflanzen, welche eben einen gewissen “Eigenschmack” haben, der dem Bier eine gewisse Aromanote gibt. Also Aroma ist gleich Geschmack.

Grundsätzlich gibt es zwei Einteilungen von Hopfenarten. Das ist zum einen der Bitterhopfen und zum anderen der Aromahopfen. Der Bitterhopfen ist meist günstiger, da er einen höheren Ertrag hat und die Dolden einen höheren Alpha-Gehalt. Allerdings hat er einen geringen Anteil an edlem Bitteraroma und wird daher oft in Kombination mit Aromahopfen verwendet. Es gibt also schon massig viele Biere mit Aromahopfen.

Eine Aromahopfensorte ist somit eine normale Pflanze und das Bier wird regelkonform nach dem Reinheitsgebot gebraut. Da braucht nicht behauptet werden, dass es sich um „Frevel“ handelt. Wer dies behauptet verschließt seine Augen, Nase und Mund und ist in seiner Entwicklung vor einigen Jahren stehengeblieben. Der Biermarkt wandelt sich, der Geschmack der Konsumenten verändert sich, die Menschen sind neugierig und offen für neue Bierkreationen. Sie wollen ausprobieren, da sie es leid sind ständig dasselbe zu trinken. Sie wollen Alternativen! Gerade die jüngere Generation lechzt nach “modernem” Bier, welches weiterhin Bier ist aber eben an die heutige Zeit angepasst wird. Deswegen dürfen natürlich die Brauereien auch weiterhin ihre Traditionsschiene fahren, es verbietet ihnen ja keiner.

Es gibt unzählige Sorten von Hopfen, Malz und Hefestämmen. Der Großteil der deutschen Brauer nutzt von diesen 1000 verschiedenen Kreuzungsmöglichkeiten gerade mal drei oder vier Varianten und so schmeckt fast jedes Bier gleich. Der größte Unterschied ist dann meist noch das Brauwasser. Das ist einfach pure Langeweile und eine ätzende Vorstellung von Biervielfalt.

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Es wird Zeit, dass weitere innovative Ideen auf den Markt kommen und den Brauern Möglichkeiten erteilt werden mit neuen Rohstoffen zu experimentieren und neue Geschmacksrichtungen auf den Weg zu bringen. Natürlich sollen qualitativ hochwertige und natürliche Rohstoffe verarbeitet werden. Ich bin absolut dagegen, dass irgendwas aromatisiert wird mit Zusatzstoffen, habe aber rein gar nichts dagegen, wenn zum Beispiel Orangenschalen, Kräuter, Zimt, Koriander, Tannenwipfel oder Früchte wie Kirsche oder Waldbeeren mit den Grundzutaten eines Biere vermischt werden. Das ist Abwechslung, das ist Kreativität und das ist das erobern neuer Geschmackssphären und genau das haben uns andere Länder voraus und wenn wir in Deutschland nicht bald eine andere Richtung einschlagen, dann wird sich das Image des deutschen Bieres in der Welt weiter verschlechtern.

Nochmal zurück auf den Kommentar der Mittelbayerischen Zeitung. Er stellt die Biermixgetränke aus Deutschland mit denen aus Belgien und Frankreich gleich. Das ist völliger Blödsinn! In Deutschland werden meist künstliche Aromen und Zusatzstoffe in das Getränk gepumpt und als Lifestyle-Produkt verkauft. In Belgien handelt es sich um wahre Köstlichkeiten mit echten Zutaten in Form von vergorenen Kirschen oder anderen Früchten. Das ist (meist) wahre Handwerkskunst. Das ist eine Frechheit gegenüber den belgischen und französischen Brauereien, welche ebenfalls eine lange Tradition haben. Natürlich ist das in dem Sinne kein „Bier“ nach dem Reinheitsgebot, aber ist das Reinheitsgebot der Maßstab für „echtes Bier“? Ist ein Bier, welches zusätzlich mit Gewürzen angereichert wird, kein Bier, nur weil es Gewürze beinhaltet?

Mir kommt es vor, als wäre der Autor ein wenig in der Zeit stehen geblieben. Ok, vielleicht ticken die Uhren in Mittelbayern ja etwas anders als bei mir, aber das weiß ich nicht genau. In Oberfranken gehen sie jedenfalls auch nicht gerade so schnell. Aber so langsam sollte eine Offenheit gegenüber neuen Dingen vorhanden sein, wir leben schließlich im 21. Jahrhundert und nicht mehr im Jahre 1516. Und mal ganz ehrlich, wer denkt denn wirklich, dass das Bier dann so schmeckt wie ein Gletscherbonbon? Der Geschmack tendiert lediglich in die Richtung von Mandarine, Honigmelone oder Gletschereisbonbon, was heutzutage übrigens keine Seltenheit mehr ist. Wer sich ein wenig aus seinem “Schutzwall” herauswagt und sich die Texte auf Bierbewertungsportalen wie Bier-Index.de durchliest findet oft Worte wie Aprikose, Mango, Zitrone, Kaffee, Schokolade, Karamell, Banane und ich meine sogar auch schon das Wort Gletschereisbonbon gelesen zu haben.

Achja, das leidige Thema Geld wird natürlich auch noch angesprochen. Natürlich geht es ums Geld, genauso wie bei der Mittelbayerischen Zeitung, welche mit ihrem reißerischen Kommentar probiert die traditionellen Klischees und Vorurteile, welche in vielen Köpfen festsitzen, zu aktivieren und so die Auflage der Zeitung zu steigern. Gibt ja nicht genug worüber man sich heutzutage aufregen könnte. Und ganz ehrlich, lieber Biere mit Fruchtgeschmack, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, als „Biermixgetränke“, welche mit unendlich vielen Zusatzstoffen zugeballert werden.

In diesem Sinne Prost auf die Biervielfalt,
Felix vom Endt

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Kategorie: Bier Allgemein, Bier Artikel, Biere

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