Bier und Frauen: Zurück an die Sudkessel

Felix | 9. Dezember 2011 | Kommentare (3)

Die Zahl ist zwar noch gering, die Tendenz aber steigend: Frauen entdecken das Brauen als Traumberuf. Von Sylvia Kopp

Unspektakulärer geht’s nicht. „Ich hab’ in einer Radioreportage erfahren, dass ich hier brauen lernen kann“, sagt Kim Buckenauer. Die 19-Jährige aus Friedenau lässt sich an der Technischen Universität Berlin zur Brauerin und Mälzerin ausbilden und findet das logisch und selbstverständlich: „Ich mochte schon immer gern Bier.“ Rund ein Vierteljahrhundert zuvor wurde eine ebenfalls 19-Jährige noch als exotische Kuriosität gehandelt. Friederike Strate hatte damals ihre Ausbildung abgeschlossen, und die „Bildzeitung“ konnte sich kaum einkriegen über „Deutschlands jüngste Braumeisterin“.

Seitdem hat sich der Anteil der Frauen in der Brauerausbildung verdoppelt und verdreifacht. Die „Emanzipation“ sei der Grund dafür, sagt Dr. Norbert Vidal, Marketingleiter der Münchner Brauerschule Doemens-Akademie: „Frauen interessieren sich für alles, gottseidank auch fürs Bier. Den typischen Männerberuf gibt es ja gar nicht mehr.“

Männerberuf? Ein Missverständnis. Die Frauen erobern sich die Sudkessel zurück.

Im frühen Mittelalter war Brauen fest in der Hand der Frauen. Nicht nur als eine von vielen Haushaltspflichten – „heute back’ ich, morgen brau’ ich“. Frauen betrieben gemeinsam kommunale Brauhäuser. Das Arbeitsgerät war ihr Eigentum, Töchter wohlhabender Familien brachten einen Sudkessel mit in die Ehe. Freundinnen trafen sich zum Bierkränzchen und tauschten Braurezepte aus. Sie spuckten ins Bier und gaben Honig bei, um den Alkoholgehalt zu steigern. Doch in den Städten wurde aus der Tätigkeit allmählich ein Handwerk, mit festen Gilde- und Ausbildungsstatuten, in denen Frauen nicht existierten. Und auch die Klöster erkannten, dass man mit Bier Geld verdienen kann. Malzschaufel und Maischscheid waren bald überwiegend in männlicher Hand. Doch erst die Industrialisierung im 19. Jahrhundert machte das häusliche Brauen unwirtschaftlich und die Bierproduktion vollends zur Männersache.

Sylvia Kopp bei ihrer Lieblingsbeschäftigung

Sylvia Kopp bei ihrer Lieblingsbeschäftigung

Bis vor wenigen Jahrzehnten. Die meisten Frauen, die heute den Beruf ergreifen, stammen aus einer Brauerfamilie. So auch die einst „jüngste Braumeisterin“, die zusammen mit ihrer Schwester Simone und Mutter Renate die Detmolder Brauerei führt: „Wir sind mit dem Braubetrieb groß geworden. Wir wohnen ja auch mittendrin“, sagt Friederike Strate, heute 46. Schon früh hätten die Eltern sie und ihre Schwester einbezogen, wie beispielsweise bei der Wiedereinführung der Bügelflasche im Jahre 1979.

Eine richtungweisende Entscheidung, wie sich heute zeigt, denn die ostwestfälische Brauerei ist nach eigenen Angaben zum bundesweit zweitgrößten Abfüller von Bügelverschlussflaschen avanciert. Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1995 haben die Frauen zu dritt das Regiment übernommen. „Jede macht das, was ihr am besten liegt“, so Friederike. Wie sie in ostwestfälisch-forschem Ton erzählt, ist sie selbst fürs „Trallafitti“ zuständig, sprich für Verkauf, Marketing und Brauereiführungen, während Simone als kaufmännische Leiterin im Hintergrund die Zügel fest im Griff behält und Mutter Renate die Unternehmensstrategie überwacht.

„Was mich an dem Beruf reizt, ist die Abwechslung“, sagt Katharina Haizmann,

„man hat sowohl mit Rohstoffen, Maschinen und Technologie als auch mit Betriebswirtschaft und Menschen zu tun.“ Die 26-Jährige hat im Juli ihre Brauer- und Mälzermeister-Prüfung an der Doemens-Akademie abgelegt. Sie hat zuvor in Ludwigshafen und im finnischen Valkeakoski Betriebswirtschaftslehre studiert. Auch sie entstammt einer langen Tradition: Ihre Familie betreibt die Hochdorfer Kronenbrauerei in der elften Generation. In rund vier Jahren, wenn sie in anderen Betrieben und Ländern Erfahrungen gesammelt hat, wird sie in den Schwarzwälder Familienbetrieb einsteigen. Dabei hat sie sich erst während des BWL-Studiums Stück für Stück mit der Idee angefreundet, Bräu zu werden.

Katharina Haizmann der Hochdorfer Kronenbrauerei

Katharina Haizmann der Hochdorfer Kronenbrauerei

„So eine Entscheidung muss von innen heraus kommen“, sagt sie. Am meisten fasziniert sie am Brauen, wie es gelingt, aus Rohstoffen unterschiedlicher Beschaffenheit – zum Beispiel aufgrund von Ernteschwankungen – ein Bier in stets konstanter Qualität hinzubekommen. „Das sind sehr spannende und komplexe Prozesse mit vielen kleinen Stellschräubchen“, so die frischgebackene Braumeisterin.

In der 50.000-Hektoliter-Brauerei sieht sie ihre Aufgabe eher in der Geschäftsführung als am Sudkessel, weil man die Produktion am leichtesten delegieren könne – ohne sie ganz aus der Hand zu geben: „Ich bin dabei, wenn etwas Neues entwickelt wird.“ Deshalb bedauert Katharina Haizmann auch, die auch eine Diplom-Ausbildung als Bier-Sommelière absolviert hat, dass so wenige Frauen den einst „weiblichen“ Beruf ergreifen.

Denn Brauerinnen und weibliche Bräus sind heute zwar häufiger in den Medien, wie beispielsweise Gründererbin Susanne Veltins, die die gleichnamige Pilsbrauerei leitet, Brauertochter Catharina Cramer, die die Geschäfte von Warsteiner führt, oder Schwester Doris, die seit mehr als 40 Jahren im Kloster Mallersdorf braut. Und der Anteil der weiblichen Brau-Lehrlinge ist wohl kräftig gestiegen – doch von einer winzigen Ausgangsbasis. Früher, sagt Norbert Vidal, lag der Absolventinnen-Anteil der Doemens-Akademie bei zwei oder drei Prozent, heute beträgt er immerhin fünf bis sieben Prozent. Damit bleibt die absolute Zahl der Frauen in der Branche gering. Laut Deutscher Industrie- und Handelskammer waren 2009 von 609 Auszubildenden im deutschen Brauhandwerk 37 Frauen.

Haben es Frauen schwerer in der Braubranche?

Dass Frauen es in der Braubranche schwerer haben als Männer, weist Friederike Strate zurück: „Es ist heute vollkommen schnuppe, ob eine Frau oder ein Mann eine Brauerei führt. Man muss seinen Job gut machen, darauf kommt es an.“ Die Ursache für den Brauerinnen-Mangel liegt laut Katharina Haizmann eher am Bier-Image: „Ein absolutes Männerprodukt. Allein schon, wie es präsentiert wird: in viel zu großen, unhandlichen und nicht besonders schönen Gläsern“. Das wirke plump und schrecke viele Frauen ab, Bier zu trinken, geschweige denn, sich mit Brauen zu beschäftigen.

Dem stimmt Stephanie Meyer, seit August 2009 Juniorchefin der Allgäuer Postbrauerei-Nesselwang, zu: „Bier wird männertypisch dargestellt, und die meisten verbinden mit Bier nur die Halbe vom Stammtisch. Deshalb wollen viele Frauen nichts davon wissen“, sagt die 31-Jährige. Für sie ist Brauen Frauensache, weil einige als typisch weiblich geltende Eigenschaften gefordert seien: achtsamer Umgang mit den Rohstoffen und genaues Arbeiten zum Beispiel. „Das ist ja nicht wie auf dem Bau, wo man Zement, Kies und Wasser mischt. Beim Brauen geht es ums Detail“, so Meyer.

Stephanie Meyer der Allgäuer Postbrauerei-Nesselwang

Stephanie Meyer der Allgäuer Postbrauerei-Nesselwang

Allerdings war für ihre Position ursprünglich der Bruder vorgesehen. Doch der favorisierte eine medizinische Laufbahn. Als die Familie 2009 die renommierte Marke mit einem Volumen von 10.000 Hektoliter an die Zötler-Brauerei verkaufen musste, übernahm Stephanie die Verantwortung und führt nun Seite an Seite mit ihrem Vater das Unternehmen in die nächste Generation. Denn eine Gasthausbrauerei mit 400 Hektoliter Jahresausstoß ist ihnen geblieben. „Ich hab’ schon den Anspruch, was Neues zu machen. Luxusbiere interessieren mich. Außerdem habe ich mit der Gasthausbrauerei die Möglichkeit, Bier zum Erlebnis zu machen“, sagt Stephanie Meyer. Gerade hat sie zusätzlich eine Diplom-Ausbildung zur Bier-Sommelière absolviert und ist somit bestens gerüstet, Bier auch neuen Zielgruppen – zum Beispiel den Frauen – zugänglich zu machen. Vielleicht im Rahmen eines Bierkränzchens?

Dort wird es sicherlich kein süßliches „Frauenbier“ aus durchsichtigen Flaschen geben. Jedenfalls wenn es nach der Berlinerin Kim Buckenauer geht. Sie gibt wie alle hier befragten Brauerinnen an, dass sie am liebsten hopfenbetonte, bittere Biere mag – und diese Frauen kennen ihr Bier!

Die Bier-Sommelière und Bier-Journalistin Sylvia Kopp hat diese Reportage für die Tageszeitung Die WELT geschrieben, die den Beitrag 2011 zum Tag des Bieres veröffentlichte. Sylvia Kopp lebt in Berlin, von wo aus Sie Ihre Bierbotschaft, ein Büro für Text und Tastings, betreibt. www.bierbotschaft.de

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Category: Bier Allgemein, Bier Artikel, Biere

Kommentare (3)

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  1. Tomsta sagt:

    Ach mei! Ob jetzt a Frau oder a Mann am Kessel stehn is doch wurschd! Hauptsache das Bier schmeckt oder????

  2. Holger H. sagt:

    Warum musste denn die Postbrauerei ihre Biere an die Brauerei Zöttler abgeben???

  3. Felix sagt:

    Lieber Holger, das weiß ich leider auch nicht :-)

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